Liebe Gemeinde!

Das vergangene Jahr hat es uns gezeigt. Wir dachten, wir hätten alles im Griff, Katastrophen wurden uns bis dahin im Fernsehen vor Augen geführt, doch selten traf es uns als ganze Gesellschaft so unmittelbar spürbar. Fast immer konnten wir weitermachen, als wäre nichts geschehen. Das ist im vergangenen Jahr anders geworden und wir wissen noch nicht, wie die neue Normalität aussehen wird.

Prägende Sicherheiten sind zum Teil weggebrochen, Grund-fragen des Lebens stellen sich drängend – nach Sinn, Relevanz und Zusammengehörigkeit. Es sind die massivsten gesamt-gesellschaftlichen Veränderungen, die ich je erlebt habe. Die Ungewissheiten verunsichern, machen Angst. Das Geflecht aus Gewohnheiten in unserem Miteinander, das uns Sicherheit gab, ist verloren gegangen. Scharfe Auseinandersetzungen gab es (auch unter Freunden) was die Einschätzung der Gefahrenlage und die Haltung zu staatlichem Handeln betraf.

„Seid barmherzig!“ ist schon darum eine nützliche Empfehlung. Doch Barmherzigkeit ist ein Wort, das in unserer Alltagssprache kaum noch auftaucht. Im Gottesdienst ist es noch zu Hause. Da beten wir: „Herr erbarme dich!“

„Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte“, heißt es in Psalm 103, Vers 8. Barmherzigkeit ist das, was Gott auszeichnet, und was diese Barmherzigkeit bedeutet, erkennen wir an Jesus. Geboren im Stall, Sohn einfacher Leute, der mit einfachen Menschen Umgang pflegte, der die Armen seligpries, der Wunden heilte und Ängste bannte und der am Ende seines Lebens den Tod am Kreuz starb – uns zugute. Von dem barmherzigen Gott, den uns Christus zeigt, sangen wir im Weihnachtslied:

Er äußert sich all seiner G’walt, / wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt, / der Schöpfer aller Ding.

Darin zeigt sich die Barmherzigkeit unseres Gottes, dass er nirgendwo anders sein will als dort, wo Menschen in ihrer Schwäche und Unsicherheit unterzugehen drohen. Solche Barmherzigkeit ist mehr als Mitleid, mehr als Zuwendung. Sie ist eine Haltung, die über den Moment hinaus geht. Das lateinische Wort für Barmherzigkeit lautet: Misericordia. Cor dare bedeutet „das Herz geben“, es öffnen für die Misere anderer Menschen. Gott gibt und öffnet sein Herz für uns.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ und „Gebt, so wird euch gegeben!“ Seid großzügig! Gott ist nicht kleinlich. Er ist nicht knausrig und berechnend. Er gibt, was wir für unser Leben brauchen: seine Barmherzigkeit im überfließenden Maß. Deshalb ruft uns Jesus zu:

“Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Fangt an barmherzig zu werden, nicht nur wie euer Vater im Himmel, sondern weil euer Vater im Himmel mit euch so barmherzig ist. Fangt an barmherzig zu werden, mit eurem Bruder, eurer Schwester, aber auch mit euch selbst! Misericordia – das Herz öffnen! Fangt um Gottes Willen zunächst an, gegenüber euch selbst barmherzig zu sein! Seid euch selber gut! Dann werdet ihr auch euren Nachbarn, den nahen und fernen, gut sein in diesem Jahr. Möge 2021 eines der geöffneten Herzen sein!

Lektorin Angela Kopp